Ein bisschen unübersichtlich ist er, so ein Bahnhof. Zumindest ein großer. Züge aus und in alle möglichen Richtungen, wild durcheinanderströmende Menschen aus allen Alters- und sozialen Klassen. Der Mittvierziger-Geschäftsmann muss sich seinen Weg durch die Reihen halbwüchsiger Punks in der Bahnhofsunterführung bahnen, um zum Taxistand zu gelangen, wo gerade der in Ehren ergraute emeritierte Professor einem Wagen entsteigt. Und will der einen Ort besuchen, der etwas ab vom Schuss ist, dann muss er sich wohl oder übel das Abteil mit der Familie teilen, deren Schönes-Wochenende-Ticket von Hartz IV bezahlt wird. Denn in Regionalzügen geben nur noch selten unterschiedliche Abteilklassen Auskunft über die Klasse Fahrgast, mit der wir es zu tun haben. Man könnte Regionalzüge also für etwas ungeheuer Fortschrittliches halten, zumindest nach Maßstäben Marxschen Denkens.

Doch zurück zum Bahnhof: Unvorhergesehene Fahrplanwechsel, sich widersprechende Auskünfte, streikende Fahrscheinautomaten oder, wie es neuerdings Mode zu werden scheint, Lokführer, dazwischen ein Taschendieb. Im letzten freien Schließfach zeugt ein zurückgelassener Schlafsack davon, dass es sich hierbei um den Unterschlupf eines Nichtsesshaften handelt.

Ein Gleissalat, der für den ungeübten Laien mehr an einen zusammengeklebten Spaghettiknäuel als an eine praktisch gebrauchbare Konstruktion mit System erinnert, führt in die Welt hinaus, verbindet unseren Bahnhof mit hunderten von anderen, verteilt sich über zigtausend Weichen und lässt uns nur erahnen, was hinter dem Vorsignal zu finden ist.

Ein Vorstadtbahnhof ist da beschaulicher. Meist nur zwei Gleise, wenn überhaupt. Ein paar Pendler, umtriebige Schulkinder mit zu tief sitzenden Hosen und Handys, die musikähnlichen Krach in einer Lautstärke von sich geben, bei der mein altmodisches Küchenradio vor Neid erblassen würde. Eine Hand voll Großmütterchen, die aufgeregt schnatternd die Neuigkeiten des Ortes austauschen – Wer ist gestorben? Es hat ein uneheliches Kind gegeben, schon fast der Normalfall. Grausige Zeiten! Und schon wieder ein Unfall.

So es ihn noch gibt, und er nicht längst durch einen Zentralen Computer in der nächsten Großstadt ersetzt ist, kennt man den Stationsvorsteher. Persönlich. Mit Namen. Es gibt mürrische Stationsvorsteher, es gibt welche die gerne erzählen. Und manchmal haben sie auch etwas zu erzählen. Denn blickt man so auf das weite Gleisnetz, können einem schon Gedanken, neue Betrachtungsweisen, Phantasien, … kommen. Und die müssen nicht einmal etwas mit der Bahn zu tun haben.

Und so ist dieses Blog ein Ort, an dem sich jemand immer wieder fragt, was eigentlich hinter diesen Gleisen steckt, und wo man landet, wenn man ihnen folgt.

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